Wenn Benjamin Hoffmann in diesen Tagen auf sein erstes komplettes Kalenderjahr als Cheftrainer der U19 zurückblickt, dann war alles dabei, was die Klaviatur der Emotionen hergibt, von überwältigenden Erlebnissen, über bittere Enttäuschungen bis zu einem versöhnlich stimmenden Abschluss: Eine rasante Achterbahnfahrt.

Die Zäsur erfolgte im Sommer, zum Ende der Saison 2016/17. Wie immer im Junioren-Fußball. Ein überschaubarer Kreis blieb, ein Großteil der Leistungsträger wechselte in den Seniorenbereich, den Kader ergänzten Spieler aus dem jüngeren Jahrgang, der U17, die gerade gegen Werder Bremen knapp den Einzug ins Finale um die Deutsche Meisterschaft verpasst hatte. Verdienten sich die Jungs im ersten Halbjahr als Schulnote eine glatte „1“, schrieb ihnen Benjamin Hoffmann zu Beginn der Winterpause eine ernüchternde „4“ ins Zeugnis. Ein Rückblick:

In der UEFA Youth League hatte der BVB als Gruppenzweiter hinter Real Madrid die Play-off-Runde erreicht und startete mit einem 1:0-Sieg bei Maccabi Haifa ins Jahr 2017. Mehr noch als das Spiel und die tolle Kulisse - über 10 000 Zuschauer – blieb der Dortmunder Fußball-Reisegesellschaft das geschichtsträchtige Rahmenprogramm mit dem Besuch der Gedenkstätte Beit Terezin als Höhepunkt in Erinnerung. Endstation in Europas Junioren-Königsklasse war das Achtelfinale. Borussia verlor beim FC Barcelona mit 1:4.

Finale bescherte Zuschauer-Rekord

In der Bundesliga stemmten sich die Jungs mit Macht und erfolgreich gegen alle Rück- und Nackenschläge. Top-Torjäger Jakob Bruun Larsen fiel mit einem Fußbruch monatelang aus, das Team musste mehrere Wochen auf Kapitän Dzenis Burnic verzichten, die schwer verletzten Dario Scuderi und Patrick Fritsch standen ohnehin nicht mehr zur Verfügung, Janni Serra machte nach einer komplizierten Kreuzband-OP seine ersten zaghaften Gehversuche. Aber die Mannschaft steckte nie auf, kam immer wieder zurück und schloss die Punktspielrunde am Ende sogar überraschend als Westdeutscher Meister vor Schalke 04 ab.

Und sie war vor den beiden Halbfinalspielen um die „Deutsche“ gegen den hoch gehandelten VfL Wolfsburg auf den Punkt top-fit. 3:2 gewann sie in der VW-Stadt, 2:1 das Rückspiel in Brackel. Das Finale im Signal Iduna Park bescherte dem deutschen Junioren­-Fußball einen neuen Rekord: 33 400 Zuschauer feierten an einem Montagabend mit den Schwarz-Gelben die erfolgreiche Titelverteidigung. Der BVB hatte den FC Bayern nach einem packenden Endspiel mit 8:7 im Elfmeterschießen bezwungen und Amos Pieper mit seinem verwandelten Strafstoß den Triumph perfekt gemacht.

Großer Umbruch im Sommer

Es folgte das große Kommen und Gehen: Dzenis Burnic (an den VfB Stuttgart ausgeliehen), Orel Mangala (wechselte zum VfB Stuttgart), Felix Passlack (Ende August von den BVB-Profis nach Hoffenheim ausgeliehen), Eike Bansen, Amos Pieper, Janni Serra, Patrick Fritsch (BVB U 23), Alexander Laukart (Twente Entschede), Etienne Amenyido (ausgeliehen an VV Venlo) und William Pulisic (zurück in die USA) verabschiedeten sich aus dem Juniorenbereich, Christian Pulisic hatte sich vorher schon bei den Profis festgespielt und war für die U19 kein Thema mehr.

Mit den aus dem Meister-Kader verbliebenen Talenten (u. a. Luca Kilian, Julian Schwermann, Alexander Schulte, Niklas Beste, Tim Sechelmann, Gabriel Kyeremateng, Jano Baxmann, Hüseyin Bulut, Dominik Wanner), den Nachrückern aus der U17 sowie den Zugängen Patrick Osterhage (Werder Bremen) und Jonas Hupe (Arminia Bielefeld) glaubte sich der BVB für die Saison 2017/18 dennoch gut aufgestellt. Aber Ernüchterung hielt gleich am ersten Bundesliga-Spieltag Einzug. Die Schwarz-Gelben unterlagen dem VfL Bochum höchst unglücklich mit 1:2, ließen zwei Punkte in Paderborn (2:2), starteten danach eine kleine Erfolgsserie, die sie in der UEFA Youth League mit einem 5:3 gegen Real Madrid sowie in der Bundesliga mit dem 3:1 im Derby gegen Schalke 04 krönten - und gerieten anschließend völlig aus der Spur.

Radikale Kurs-Korrektur

Als nach dem 1:2 in Düsseldorf das Saisonziel – Qualifikation für die Endrunde zur Deutschen Meisterschaft – in weite Ferne gerückt war, zogen Trainer und Abteilungsleitung die Reißleine. Sie redeten Tacheles, dünnten den (zu) großen Kader aus, und Benjamin Hoffmann sprach in einer dreieinhalbstündigen Krisensitzung schonungslos taktisches Fehlverhalten und Einstellungs-Defizite an. Anschließend haben sie - vermutlich gerade noch rechtzeitig - die Kurve gekriegt. Zum Jahresabschluss feierten sie drei Siege in Bochum, gegen Paderborn und in Leverkusen. Weil sie – wie in der Vorsaison so erfolgreich praktiziert – wieder im Kollektiv mit Herz, Hingabe, Leidenschaft und großem läuferischen Aufwand gearbeitet haben.

„Wir dürfen jetzt nicht lockerlassen, damit es für uns eine lange Saison wird“, fordert Hoffmann. Sie überwintern als Bundesliga-Zweiter und haben die beiden ersten Tabellenplätze wieder fest ins Visier genommen. Dank einer radikalen Kurs-Korrektur. Doch das zwischenzeitliche Tief hat noch Spuren hinterlassen. Deshalb schreibt Hoffmann den Jungs eine „4“ ins Winterzeugnis.

Wilfried Wittke