Sie kommen aus allen Ecken Deutschlands – und der Welt. Junge Fußballer, hoch talentiert, hoch ambitioniert. Sie alle verfolgen ein großes Ziel, sie wollen Fußball-Profi werden. Dafür verlassen sie ihre Familien und ihre Freunde.

Das moderne, bestens ausgestattete Jugendhaus im Nachwuchs-Leistungszentrum in Brackel ist das neue Zuhause von 22 hochbegabten Fußballern. Wenn die Jungs die Tür öffnen und mit dem hinteren Bein noch im Hausflur stehen, steht das vordere fast schon auf dem Trainingsplatz. Kurze Wege, den großen Traum, das große Ziel direkt vor Augen.

Doch sie leben nicht in einer Komfortzone. „Wir wollen keine kleinen Prinzen in bunten Fußballschuhen entwickeln“, sagt Nachwuchskoordinator Lars Ricken und verrät: „Es ist ein gehöriger Aufwand, den die Jungs betreiben müssen. Im Prinzip haben sie zwei Jobs: Fußball und Schule. Sie stehen oft um 6 Uhr auf und haben um 20.30 Uhr Feierabend – in der Regel fünfmal pro Woche. Das ist kein Spaß.“

Julia Porath seit dem 1. Januar 2020 die neue „Chefin“

Seit dem 1. Januar 2020 hat Julia Porath im BVB-Jugendhaus das Sagen. Unterstützt wird sie von Max Diers. Beide lernten sich kennen und schätzen im Internat des Hamburger SV. Sie beerben Franziska und Marvin Mainoo-Boakye, die zum Jahresende 2019 bei Borussia ausgeschieden sind. „Ich möchte den Jungs helfen, auch im normalen Leben klar zu kommen. Denn nur die Wenigsten werden ihren Traum vom Profi-Fußball realisieren können. Irgendwann kommen sie heraus aus dieser behüteten Fußballwelt, und dann sollten sie auch wissen, wie der Alltag funktioniert“, sagt Julia Porath, die neue Ideen und einen modifizierten Führungsstil einbringen wird.

Die Mutter von vier erwachsenen Kindern ist seit Jahren im Sport unterwegs, speziell im Fußball. Sie hat vor ihrer HSV-Zeit ein Coaching-Programm für ambitionierte Nachwuchsspieler und Eltern ausgearbeitet mit dem Ziel, hoffnungsvolle Talente und deren Familien auf den Profi-Fußball vorzubereiten. 

Julia Porath weiß, worüber sie spricht. Sie begleitete ihren Sohn Finn von der E-Jugend eines kleinen Vereins über die DFB-Junioren-Auswahlmannschaften und -Leistungsteams des Hamburger SV bis zum Jung-Profi. Heute spielt er an der Seite des ehemaligen Dortmunders Janni Serra bei Holstein Kiel. Finn hat sich über den Schritt seiner Mutter zum BVB übrigens besonders gefreut, sympathisiert er doch seit Jahren mit den Schwarzgelben. Wie übrigens auch Max Diers, der vor einiger Zeit mit Julia Porath lediglich „interessehalber“ Borussias Nachwuchs-Leistungszentrum besucht hatte und tief beeindruckt war von den Dimensionen. „Das“, sagt Julia Porath, „ist noch eine ganz andere Welt als beim HSV.“

Bei dieser Gelegenheit knüpfte sie erste Kontakte zu Matthias Röben, dem Pädagogischen Leiter des NLZ im Fußballpark Hohenbuschei. Damals wusste die bekennende Norddeutsche noch nicht, dass sie eines Tages in Dortmund „vor Anker“ gehen würde. Nach einem Referat, zu dem sie Markus Hirte, der Leiter des DFB-Talent-Förderungsprogramms, nach Frankfurt eingeladen hatte, kam die Anfrage des BVB, ob sie sich vorstellen könne, als Leiterin des Jugendhauses einzusteigen. Denn ihre Philosophie deckt sich mit jener der BVB-Verantwortlichen.

„Problemlösungen selbstständig angehen"

Im September 2019 führte sie deshalb der Weg erneut nach Brackel und zu Matthias Röben. Nach kurzer Bedenkzeit sagte sie zu. „Ich habe wieder die Möglichkeit, an der Basis zu arbeiten, mein Wissen und meine Erfahrungen bei einem großen Traditionsverein und in einer spannenden Umgebung weiterzugeben“, bemerkt Julia Porath, die zwischen ihrer HSV-Zeit und Anstellung beim BVB selbstständig gearbeitet, ein Buch („Volltreffer“ – Survivalguide für Fußballeltern“) geschrieben und Vorträge gehalten hat.

Sie packt die Aufgabe entschlossen, selbstbewusst und mit klaren Vorstellungen an: „Ich kenne Abläufe wie Herausforderungen und  mache nichts anderes als jede Mutter – mit dem Unterschied, dass ich es hier mit 22 Jungs und vielen verschiedenen Charakteren zu tun habe. Der eine ist ganz offen, der andere verschlossen, der eine muss an einer etwas kürzeren, der andere an der längeren Leine geführt werden.“ Das sei, betont sie, keine „leichte Aufgabe“. Sie muss an sieben Tagen in der Woche präsent, wach und wachsam sein.

An die 200 Jugendliche haben das Jugendhaus durchlaufen. Jedes Jahr ziehen einige aus, weil sie den Klub wechseln oder ein eigenes Zuhause gefunden haben. Jedes Jahr kommen neue Bewohner hinzu. Eine Patchwork-Familie auf Zeit. Eine Fußball-Zweckgemeinschaft. Vertrauen, Verlässlichkeit und gegenseitiger Respekt sind die Grundlage dieses Zusammenlebens. Damit eine solch große Gemeinschaft funktioniert, müssen Regeln her und Grenzen abgesteckt werden. „Es ist wichtig, das Vertrauen der Jungs zu gewinnen. Sie sollen verstehen, dass ich sie nicht maßregeln oder einengen, sondern ihnen helfen und nur ihr Gutes will,“ versichert Julia Porath.

Damit sie lernen, gegen Widerstände anzukämpfen, sich als Persönlichkeit entwickeln und Problemlösungen selbstständig anzugehen. Was ihnen dann auch auf dem Spielfeld zu Gute kommt. Bei Juli Porath befinden sich die Jungs in besten Händen.