Als die ersten detaillierten Analysen diskutiert und im Nachwuchs-Leistungszentrum allmählich die Lichter ausgegangen waren, fand es Mike Tullberg an der Zeit, Klartext zu reden und für sein Team eine Lanze zu brechen. „Ich ziehe den Hut vor den Jungs, dass es ihnen gelungen ist, diese Spielintensität über 90 Minuten durchzuhalten“, betonte der ambitionierte U19-Cheftrainer, der von seiner Mannschaft stets das „Maximale“ einfordert.

Nach dem 0:0 gegen Sporting Lissabon wusste beim BVB keiner so recht, ob das Glas halbvoll oder halbleer war. „Die Spieler haben sich reingekniet, kämpferisch alles gegeben, aber leider unser Chancenübergewicht nicht genutzt“, haderte Tullberg, um im gleichen Atemzug hinzuzufügen: „Das Ergebnis geht in Ordnung, denn auch Sporting hatte vor allem in der zweiten Halbzeit einige Möglichkeiten.“

Die Schwarzgelben beeindruckten, sobald es ihnen gelang, ihre fußballerischen Qualitäten auf den Platz zu bringen. Dann zeichneten sich vor allem die starken Außenverteidiger Lion Semic und Tom Rothe, Vaso Walz und Dennis Lütke-Frie im Mittelfeld oder Samuel Bamba in der Offensive aus. Lütke-Frie und Semic bestätigten unter den Augen von DFB-Trainer Hannes Wolf ihre Berufung in die deutsche U19-Nationalmannschaft, die vom 3. bis 10. Oktober an einem Vier-Länder-Turnier in der Slowakei teilnimmt und auf die Gastgeber sowie Portugal und die Niederlande trifft. Als dritter Borusse gehört Göktan Gürpüz zum Kader.

„Gegen zwei der besten Akademien Europas“

In einer schwierigen Gruppe führen Ajax Amsterdam und der BVB mit jeweils vier Punkten die Tabelle an vor Sporting (2) und Besiktas Istanbul (0). „Wir spielen gegen Mannschaften aus zwei der besten Akademien Europas“, urteilt Tullberg voller Respekt über die Gegner. Sporting gilt in Portugal als Top-Ausbildungsverein, der seine Jungstars an die europäischen Spitzenklubs veräußert, um seinen eigenen Betrieb zu finanzieren. In drei Wochen duelliert sich die Borussia mit Ajax, dieser legendären Fußball-Schule, aus der Welt-Stars wie u. a. Johan Cuyff, Denis Bergkamp, Edwin van der Saar, Marco van Basten hervorgingen und die aktuell wieder „Stars von morgen“ produziert.

Außerdem sieht Mike Tullberg die deutschen Teams generell im Nachteil, „weil wir hier in der langen Corona-Pause die Meisterschaft abgebrochen, sie aber andere Länder nach einer Unterbrechung fortgesetzt haben. Den Jungs fehlt einfach Wettkampfpraxis auf europäischem Niveau.“ Als Beleg zieht er die Ergebnisse der DFB-Klubs an den ersten Spieltagen in der UEFA Youth League heran. Der BVB gewann als bisher einzige deutsche U19-Mannschaft ein Spiel, Leipzig und Bayern kassierten zwei Niederlagen, Wolfsburg verlor seine Auftaktpartie und holte gegen Sevilla zumindest einen Punkt, und der 1. FC Köln unterlag in der Youth-League-Meisterrunde dem belgischen Vertreter KRC Genk mit 2:4.

Langzeitverletzte kehren allmählich zurück

Vier Punkte nach zwei Spieltagen sind eine durchaus anständige Bilanz, zumal Mike Tullberg nicht einmal seine stärkste Elf stellen konnte. Die Unterschiedsspieler Nnamdi Collins und Jamie Bynoe-Gittens mussten bisher komplett zuschauen, und Mittelfeld-Chef Göktan Gürpüz fehlte gegen Sporting. Die Kader-Ergänzungen aus der U23, Albin Thaqi und Abdoulaye Kamara, erwiesen sich nicht als Verstärkung, weil beiden die Wettkampfpraxis fehlt. Vor allem Kamara, der im November 17 Jahre alt wird, im Sommer von Paris St. Germain zum BVB gewechselt ist und eigentlich eine tragende Rolle in Europas Junioren-Königsklasse spielen sollte, wirkt noch wie ein Fremdkörper in dieser homogenen Elf. „Zwischen den beiden Spielen in der Youth League hatte er in der 3. Liga gerade mal 20 Minuten Einsatzzeit“, bemerkt Lars Ricken. Da müsste dann wohl eine Zukunftslösung gefunden werden.

Sollten sie keine Rückschläge erleiden, kann Mike Tullberg nach der Länderspielpause wieder mit Nnamdi Collins und Isaak Nwachukwu planen, Göktan Gürpüz kehrt vielleicht schon Sonntag im Bundesliga-Heimspiel gegen den MSV Duisburg in den Kader zurück, und das Comeback von Jamie Bynoe-Gittens erhoffen sich die Borussen im Rückspiel gegen Ajax (Mittwoch, 3. November).

Das Thema Youth League indes ist zunächst tabu. Trainer und Mannschaft konzentrieren sich auf das letzte Spiel in der zweiten „Englischen Woche“, das Duell mit dem MSV Duisburg, der mit einem 5:0-Sieg und einem beachtlichen 2:2 bei Bayer Leverkusen in die Saison gestartet ist. Dann übernimmt Farouk Cisse wieder seine Position in der Innenverteidigung, und auch Julian Rijkhoff sollte dann neben Bradley Fink im Zentrum stürmen.

Wilfried Wittke