Der Pokal und seine Gesetze… Mike Tullbergs Jungs gingen als Favoriten ins Viertelfinalspiel gegen Hannover 96, gerieten 0:1 in Rückstand, erzielten kurz nach Wiederbeginn den Ausgleich, berannten in der zweiten Halbzeit das gegnerische Tor – und mussten in der Verlängerung die letzten Kraftreserven mobilisieren, um sich nach einer turbulenten und packenden Partie mit einem verdienten 3:1-Sieg für das Halbfinale zu qualifizieren.

„Es war ein total unangenehmes Spiel und ein großer Kraftakt meiner Mannschaft. Wahnsinn, was sie in den letzten Monaten geleistet hat“, strahlte Tullberg nach dem Abpfiff, als sich auf dem Rasen eine große Jubeltraube gebildet hatte und alle Kader-Spieler diesen Triumph feierten. „Wir sind eine richtige Familie geworden“, bemerkte der U19-Cheftrainer. Mögliche Gegner im Halbfinale sind der VfB Stuttgart (2:1 gegen Fortuna Düsseldorf), SC Freiburg (3:1 im Elfmeterschießen gegen RB Leipzig) und Bayern München (4:3 gegen Hertha BSC).

Die Gäste, von Trainer Stephan Schmidt glänzend eingestellt, hatten es den Schwarzgelben richtig schwer gemacht. Defensiv agierten sie häufig mit einer Fünfer- oder sogar Sechserkette, sie schlugen die Bälle lang nach vorn, und der BVB fand in der ersten Halbzeit keine Mittel, dieses Bollwerk auszumanövrieren. Eine forsche Hereingabe von Tom Rothe, als alle Offensivspieler den Ball verpassten (28. Minute), ein Torschuss von Göktan Gürpüz (44.) – mehr kritische Situationen brauchten die Niedersachsen nicht zu überstehen. Auf der anderen Seite hatte auch Silas Ostrzinski wenig zu tun. Der einzige gefährliche Schuss auf sein Tor bedeutete indes die Gäste-Führung. Nnamdi Collins war zu ungestüm in den Zweikampf mit Fynn Henze gegangen, den Elfmeter verwandelte Nicolo Tresoldi in der 37. Minute zum 1:0.

Abdoulaye Kamara kam als „Dampfmacher“

„Wenn wir so weiterspielen, fliegen wir aus dem Pokal“, hatte Mike Tullberg seinen Jungs in der Halbzeitpause zu verstehen gegeben und auch personell reagiert. Jonah Husseck ersetzte den rot-gefährdeten Nnamdi Collins, Abdoulaye Kamara kam für Vasco Walz als „Dampfmacher“ ins Mittelfeld. Und tatsächlich präsentierten sich die Schwarzgelben deutlich entschlossener und aggressiver in der Zweikampfführung. Neuen Mut verlieh ihnen dazu der schnelle Ausgleichstreffer, den Jamie Bynoe-Gittens mit einer feinen Einzelleistung erzielte. Der Engländer musste kurze Zeit später ausgewechselt werden. „Nichts Schlimmes, nur Krämpfe“, ließ Jamie wissen.

Es entwickelte sich ein spektakulärer Pokalfight, in dem sich beide Teams nichts schenkten. Der BVB erzielte ein deutliches Chancenplus, aber Silas Ostrzinski musste bei einigen schnellen Hannoveraner Gegenangriffen stets auf der Hut sein. Tom Rothe scheiterte am toll reagierenden Gäste-Schlussmann Liam Tiernan (56.), Bekir El-Zein, der Jamie Bynoe-Gittens ersetzte, verfehlte das Tor ganz knapp (68.), Göktan Gürpüz schob den Ball nach kluger Vorarbeit von Julian Rijkhoff am Pfosten vorbei (72.), und statt auf Elfmeter, entschied Schiedsrichter Tobias Ewerhardy nach einem Foulspiel an Bradley Fink zur Überraschung aller auf „Gelb“ für den Dortmunder Torjäger wegen einer angeblichen „Schwalbe“.

Bradley Fink setzte den Schlusspunkt

So musste die Partie in der Verlängerung entschieden werden. Die Jungs um Kapitän Dennis Lütke-Frie mobilisierten die letzten Kräfte – und wurden am Ende belohnt. Abdoulaye Kamara brach in der 96. Minute den Bann, nachdem 96-Torwart Tiernan einen von Lütke-Frie ausgeführten Eckball zu kurz abgewehrt hatte. Den Schlusspunkt eines turbulenten Finales setzte in der dritten Minute der Nachspielzeit Bradley Fink, der Julian Rijkhoffs präzisen Querpass zum 3:1 einschob.

Es war ein verdienter Sieg gegen einen körperlich robusten Gegner, der den Schwarzgelben noch einmal alles abverlangt hat. „Wir können stolz sein auf das, was wir erreicht haben“, resümierte ein glücklicher Mike Tullberg. In der Bundesliga überwintert Borussia als „Weihnachtsmeister“, in der UEFA Youth League qualifizierte sich die Mannschaft für die Play-offs (der Gegner wird Dienstag ausgelost), im DFB-Pokal steht sie im Halbfinale, und ganz nebenbei hat sie sich auch noch den erstmals ausgespielten NRW-Liga-Pokal gesichert. Unter der Regie von Mike Tullberg hat die U19 seit Sommer damit von 16 Pflichtspielen in der Bundesliga und den deutschen Pokal-Wettbewerben 15 gewonnen und lediglich gegen den MSV Duisburg unentschieden (1:1) gespielt  - viel mehr geht tatsächlich nicht.   

BVB: Ostrzinski – Cisse, Collins (46. Husseck), Kleine-Bekel, Rothe – Walz (46. Kamara), Lütke-Frie – Bynoe-Gittens (62. El-Zein), Rijkhoff, Gürpüz (98. Mrosek) – Fink.

Wilfried Wittke