Sie fahren mit dem Polster eines 5:1-Vorsprungs und mit breiter Brust, aber auch mit dem nötigen Respekt nach Gelsenkirchen. Alle Fakten und Daten sprechen indes dafür, dass sich die Jungs von Mike Tullberg im Halbfinal-Rückspiel am Sonntag beim FC Schalke 04 (11 Uhr, live bei sky) die Tickets ins Endspiel nicht mehr aus der Hand reißen lassen werden. Auf der anderen Seite ist ihnen wohl bewusst, dass der Fußball die mitunter verrücktesten Geschichten schreibt.

Eines dieser vielen Kapitel hätte in der Saison 2017/18 beinahe auch Borussias U19 verfasst. Co-Trainer Daniel Rios hat in dieser Woche höchste Konzentration angemahnt und den Spielern berichtet, wie sie damals auf die 0:4-Niederlage im Halbfinal-Hinspiel bei Hertha BSC reagiert haben, über die feurigen Trainer-Ansprachen und die Diskussionen im Spielerkreis, mit denen sie sich verbal auf Betriebstemperatur geschaukelt hatten. Vor dem Anpfiff des Rückspiels waren sie dann überzeugt, ein Fußball-Wunder realisieren zu können.

Genau so werden sie in diesen Tagen auf Schalke die Stimmung angeheizt haben, obwohl S04-Trainer Norbert Elgert auf der Vereins-Homepage relativiert: „In erster Linie wollen wir im Rückspiel etwas wiedergutmachen, und dann wird sich das Resultat ergeben…. Es ist nicht schlimm, wenn man mal fällt, entscheidend ist, dass man wieder aufsteht,“

Für die Schwarzgelben hat es damals nicht ganz gereicht. Sie führten durch Treffer von Enrique Pena-Zauner, Emre Aydinel und David Kopacz mit 3:0 und hatten Chancen für deutlich mehr Tore. Erst kurz vor dem Abpfiff besiegelte ein Konter Borussias unglückliches Ausscheiden. Hertha profitierte auch von einer halbstündigen Gewitterunterbrechung, die den Sturmlauf der Jungs um Patrick Osterhage und Luca Kilian ausgebremst hatte. „Wir waren dicht davor, die Sensation zu schaffen“, erinnert sich Daniel Rios, der neben Benjamin Hoffmann auf der Bank saß, an diese dramatische Partie. Hertha BSC wurde anschließend Deutscher Meister. Die Berliner gewannen das Finale gegen den favorisierten FC Schalke 04 mit 3:1.

So eng wie es vor vier Jahren in Dortmund für Hertha war, soll es im Parkstadion nicht werden. „Wir wollen gewinnen“, versichert Mike Tullberg. Und seine Jungs in der Erfolgsspur bleiben. 30 der bisher in dieser Saison in den nationalen Wettbewerben absolvierten 32 Pflichtspiele haben sie siegreich gestaltet und nur zwei Mal unentschieden gespielt. „Ich weiß nicht, ob es im Bundesliga A Junioren-Bereich eine solche Serie schon mal gegeben hat“, sagt Tullberg. Drei Spiele trugen sie gegen Schalke 04 aus. In der Bundesliga feierten sie einen 4:0-Triumph, im NRW-Ligapokal Finale behielten sie auf Schalke mit 2:0 die Oberhand, und das erste Halbfinale in der Endrunde zur Deutschen Meisterschaft entschieden sie mit 5:1 für sich.

Hertha BSC nach zwei Siegen im Finale

Was dazu für den BVB spricht: Die Mannschaft kennt sich mit Stress-Situationen aus, sie versteht es, im richtigen Moment einen Gang höher zu schalten, und sie verbesserte ihre Qualität vor allem dank der neun Spiele in der UEFA Youth League, in denen sie ihre Leistungsgrenze neu definieren musste. In der Summe bestritten die Schwarzgelben bisher 41 Pflichtspiele, deutlich mehr als jedes andere Bundesliga-Team. „Diese Herausforderungen benötigen unsere Talente in der Ausbildung, um sich an den Profibereich heranzutasten,“ sagt Lars Ricken, der Direktor des Nachwuchs-Leistungszentrums und ergänzt: „Nur in der Junioren-Bundesliga hätten die Top-Spieler vielleicht fünf Spiele auf höchstem Niveau, das ist viel zu wenig.“

Die Chancen stehen also sehr gut, dass Borussias U19 ihr erstes Saisonziel erreichen und in den Finals im DFB-Pokal (20. Mai) sowie der Deutschen Meisterschaft (29. Mai) ihr 33. und 34. Pflichtspiel auf nationaler Ebene austragen wird. "Wir sind kurz davor, und das sollten wir uns nicht mehr nehmen lassen“, erklärt Mike Tullberg, der gegenüber der Startformation beim 5:1-Hinspielsieg vermutlich nur eine Änderung vornehmen wird: Für den angeschlagenen Abdoulaye Kamara rückt vermutlich Farouk Cisse ins Mittelfeld.

Hertha BSC hat sich als erste Mannschaft für das Finale um die Deutsche Meisterschaft qualifiziert und nach dem 3:1 im Hinspiel das Rückspiel gegen den FC Augsburg mit 2:0 gewonnen. Die Berliner genießen am Sonntag, 29. Mai (Anstoß 13 Uhr), Heimrecht.

Es könnte für die U19 zum Saison-Finale eine "Berliner Woche" werden... 

Wilfried Wittke