Eine außergewöhnlich erfolgreiche Saison ist Geschichte, die gemeinsame Zeit beendet: Borussias U19, der Deutsche Meister, Westdeutsche Meister und NRW-Liga-Pokalsieger, hat sich nach dem 1:3 im Westfalenpokal-Finale beim FC Schalke 04 aufgelöst. Aber die Jungs sind nicht aus der Welt. Einige dieser hochbegabten Fußballer, die nun im Seniorenbereich die nächste Sprosse der Karriere-Leiter erklimmen möchten, werden in der UEFA Youth League das neue U19-Team verstärken. Lediglich Vize-Kapitän Colin Kleine-Bekel und Bekir El-Zein tragen künftig das Trikot eines anderen Vereins.

„Ich bin mega stolz auf diese Mannschaft“, fasst Mike Tullberg die Bilanz seiner ersten kompletten Saison als Trainer der BVB-A-Junioren zusammen. Der 36-jährige Däne, der sich mit seiner Familie auf Zypern von einer auch für ihn höchst strapaziösen Spielzeit erholt, wagt schon einen Blick nach vorn: „Wir werden alles versuchen, wieder vorne anzugreifen, obwohl uns natürlich ein Stück individuelle Qualität verloren geht und wir im 2005er-Jahrgang nicht aus dem Vollen schöpfen können.“

Als Vorgriff auf die Saison 2022/23 hatte der BVB bereits im Winter Filippo Mane aus Genua verpflichtet. Aus der U17 ergänzen Rafael Lubach, Jadon Korzynietz, Vincenzo Onofrietti, Marlon Ubani, Bismark Quayson sowie die Jung-Jahrgänge Robin Lisewski, Raul König und Luke Rahmann den Kader. Dessen Gerüst werden die Meisterspieler Julian Rijkhoff, Nnamdi Collins, Tom Rothe (falls er nicht von den Profis angefordert wird), Vasco Walz, Farouk Cisse, Samuel Bamba, Jonah Husseck und Torhüter Marian Kirsch bilden.

Die Basis für die Triumphe hatten die Dortmunder Jungs im Sommer im Trainingslager in Schwäbisch Hall gelegt, „Man hat schnell gemerkt, dass eine Mannschaft zusammenwächst, die vom Charakter her und deren Einstellung passte“, sagt Mike Tullberg im Rückblick. Mit dem Turniersieg beim gut besetzten Bundesliga-Cup 2021 nahm sie dazu noch Rückenwind in die Saison. Er präzisiert: „Wir waren eine große Familie. Jeder hatte seine Rolle, jeder wusste um seine Verantwortung. Der eine hat dem anderen Erfolg gegönnt. Das war der Schlüssel.“

Höhepunkte in der UEFA Youth League

Als sportliche Höhepunkte hebt er die Auftritte in der UEFA Youth League hervor, den 5:1-Triumph bei Ajax Amsterdam, den 5:3-Erfolg im Play-off-Spiel beim FC Empoli und vor allem das Weiterkommen im Achtelfinale bei Manchester United (2:2 nach regulärer Spielzeit, 3:1 im Elfmeterschießen). „Ein top besetzter Gegner mit dem vielleicht stärksten Kader aller Vereine“, so Tullberg: „Das alles haben wir mit der jüngsten Mannschaft im Wettbewerb und ohne Profi-Unterstützung geschafft.“ Dazu mit Spielern, die zum Großteil im Nachwuchs-Leistungszentrum des BVB ausgebildet worden sind.

In den nationalen Wettbewerben lief es wie am Schnürchen: Sieger im erstmals ausgespielten NRW-Liga-Pokal, Westdeutscher Meister ohne Niederlage und mit elf Punkten Vorsprung, souveräner Auftritt im Halbfinal-Hinspiel zur Deutschen Meisterschaft gegen Schalke 04 (5:1), im DFB-Pokal bis zum Einzug ins Finale etwas zähe, aber erfolgreiche Darbietungen. Dann der erste große Rückschlag, die 1:3-Niederlage ausgerechnet im Endspiel gegen den VfB Stuttgart und in dem Wettbewerb, den sie unbedingt als Cupsieger beenden wollten, um der Vereins-Historie nach der erstmaligen Qualifikation für das Viertelfinale in der UEFA Youth League ein weiteres Kapitel hinzuzufügen.

„Wir haben 20 Minuten verschlafen, sind 0:2 in Rückstand geraten. In acht von zehn Spielen drehen wir die Partie, aber es hatte nicht sollen sein. Die Jungs sind danach in ein tiefes Loch gefallen. Das Trainer-Team hat viele Gespräche geführt, um sie wieder aufzubauen. Umso bemerkenswerter dann ihre Reaktion im Meisterschafts-Finale und der 2:1-Sieg gegen eine sehr erwachsen spielende Mannschaft von Hertha BSC, mit dem wir eine herausragende Saison am Ende doch noch gekrönt haben“, gewährt Mike Tullberg Einblick in die anspruchsvolle Arbeit zwischen den beiden Finalspielen.

Vier U19-Talente im Profi-Team

Auch den Ausbildungsauftrag hat der Trainerstab erfüllt. Tullberg: „Die Kirsche auf der Torte ist, dass wir einige Talente an die Profi-Abteilung herangeführt haben. Gegen den VfL Wolfsburg standen in Youssoufa Moukoko, Lion Semic, Jamie Bynoe-Gittens und Tom Rothe vier U19-Spieler auf dem Platz.“ Jamie Bynoe-Gittens, Göktan Gürpüz und Lion Semic haben Profi-Verträge unterschrieben, Bradley Fink absolviert zumindest Teile der Saisonvorbereitung mit den Reus, Hummels und Co.

Das neue U19-Team nimmt am 29. Juni seine Arbeit auf. Gut zwei Wochen später, am 11. Juli, geht es wieder nach Schwäbisch Hall, wo Mike Tullberg versuchen wird, den Kader wieder zu einer großen Familie zusammenzuschweißen – so,.wie es ihm  im Vorjahr gelungen ist. Und mit einem Wunsch hält er nicht hinter dem Berg. „Ich möchte mit dieser Mannschaft gern den DFB-Pokal gewinnen“, verrät Tullberg. Jene Trophäe, die auch seine Super-Mannschaft nicht nach Dortmund hatte holen können und die in Borussias üppig ausgestatteter Pokalsammlung noch fehlt.

Wilfried Wittke