Als Borussias U19 die Bundesliga-Saison 2012/13 als Tabellenneunter, 35 Punkte hinter Meister Schalke 04 abgeschlossen hatte, redete Hans-Joachim „Aki“ Watzke Klartext. „Das kann nicht sein, ist schlichtweg unfassbar. Die Entwicklung ist uns aus dem Ruder gelaufen“, rügte der Vorsitzende der Geschäftsführung und setzte die Nachwuchsabteilung unter Druck: „Es muss unser Anspruch sein, in zwei, drei Jahren mit unserer U17 und U19 auf Augenhöhe zu sein mit Vereinen wie Schalke 04, Bayer Leverkusen oder Borussia Mönchengladbach.“ 

Dann ging es ganz fix, rasend schnell sogar. Wie fast alles bei Borussia…

Am letzten Sonntag im Mai 2016 zauberte die „Elf der Hochbegabten“ in der Rhein-Neckar-Arena ein Lächeln in Watzkes Gesicht. Denn „seine“ U19 hatte sich in Sinsheim mit einem 5:3-Sieg im Finale gegen die TSG 1899 Hoffenheim
nach einer Durststrecke von 18 Jahren wieder als Deutscher Meister krönen lassen und Trainer Hannes Wolf einen im Nachwuchs-Fußball einmaligen Hattrick perfekt gemacht. 

„Die Mannschaft hat Fantastisches geleistet, das macht uns extrem stolz“, strahlte der „Meistermacher“. Nachdem er 2014 und 2015 die U17 zur Deutschen Meisterschaft geführt hatte, gelang ihm dieses Kunststück mit einem Großteil des Teams nun auch in der höheren Altersklasse. Schon die Meisterschaft in der Bundesliga West war kein Selbstläufer. „Wir mussten mit Schalke, Bochum, Köln und Leverkusen bärenstarke Konkurrenten hinter uns lassen“, sagte Wolf im Rückblick.

U17 scheiterte erst im Finale

„Der Titel ist eine Bestätigung der guten Arbeit, die im Nachwuchsbereich geleistet wird,“ resümierte Nachwuchschef Lars Ricken stolz. Zur gleichen Zeit hatte Borussias U17 ein weiteres Ausrufezeichen gesetzt und sich im dritten
Male in Folge für das Finale zur Deutschen Meisterschaft qualifiziert. Die Jungs von Trainer Benjamin Hoffmann indes verpassten den Hattrick und unterlagen trotz einer dominierend geführten ersten Halbzeit dem Team von Bayer
Leverkusen mit 0:2.

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Auch in der C-Jugend war der BVB in der Saison 2015/16 im Fußball-Westen das Maß aller Dinge. Sie räumte alle Titel ab, die zu holen sind: Regionalliga-Meister und Westfalenpokalsieger. Die U16 beendete die Spielzeit als Tabellendritter in der B-Junioren-Westfalenliga. 

Borussias U23 tat sich nach dem Abstieg aus der 3. Liga und einem großen personellen Umbruch in der neuen Umgebung äußerst schwer. Einem dramatischen Fehlstart folgte eine tolle Erfolgsserie und am Ende noch der Sprung ins obere Drittel der Regionalliga. Trainer David Wagner verließ das Team im November in Richtung des englischen Zweitligisten Huddersfield Town, Nachfolger Daniel Farke führte das Team schließlich zurück in die Erfolgsspur und auf den vierten Tabellenplatz.

Weiter mit Boekamp und Ricken

Die personellen und strukturellen Reformen im Nachwuchsbereich trugen damit schon nach kurzer Zeit Früchte. Borussia hatte die U19 zum Flaggschiff der Abteilung erklärt. Die besten jungen Fußballer sollten sich ausschließlich in
diesem Team entfalten und nicht mehr – wie in den Jahren davor üblich - zur U23 abgestellt werden. Der Verein meldete eine U16 für die Meisterschaftsrunde auf Landesebene, um den Spielern den Übergang zwischen B-Jugend und U17 zu erleichtern. 

Neben Nachwuchskoordinator Lars Ricken war im Sommer 2013 in Edwin Boekamp ein erfahrener sportlicher Leiter installiert worden. Der Ur-Westfale stand seit 1987 in BVB-Diensten, ehe er sich seinem früheren Dortmunder Mitarbeiter, dem Fußball-Lehrer Michael Skibbe, als Co-Trainer angeschlossen hatte und fünf Jahre das Profi-Geschäft bei Galatsaray Istanbul, Eintracht Frankfurt, Eskesehirspor und Hertha BSC kennenlernte. Im Mai 2016 verlängerte Borussia die Verträge mit Ricken und Boekamp bis 2021. „Beide sind dafür verantwortlich, dass unsere Nachwuchsmannschaften in den vergangenen Jahren Top-Platzierungen und Titel gesammelt haben und wir verstärkt eigene Talente in den Profi-Bereich integrieren konnten“, erklärte Sportdirektor Michael Zorc. 

Als „wegweisende Maßnahme“ bezeichnet Lars Ricken den Bau des Jugendhauses auf dem Trainingsgelände in Dortmund-Brackel. Vorher waren die auswärtigen Talente in einem provisorischen Internat in der Stadtmitte untergebracht, jetzt steht ihnen ein Fünf-Sterne-Komplex mit allen Annehmlichkeiten zur Verfügung. Ricken erläutert: „Wir haben in Steine und Beine investiert und neues Personal eingestellt, Athletiktrainer, Köche,Psychologen und Sozialpädagogen. Die Jungs erfahren bei uns jede Unterstützung. Es liegt jetzt an jedem einzelnen Spieler, aus all diesen Möglichkeiten für sich das Beste zu machen.“

Mit drei Sternen zertifiziert

Im Rahmen der jüngsten Zertifizierung hat der BVB ein entsprechendes Gesamtergebnis erzielt und die höchstmögliche Auszeichnung in Form von drei Sternen erhalten. In den Bereichen „Unterstützung & Bildung“, „Personal“,
„Infrastruktur & Ausstattung“, sowie „Effektivität & Durchlässigkeit“ gaben ihm ihn die Juroren (Deutsche Fußball Liga, Deutscher Fußball-Bund und Double PASS GmbH) ein „exzellentes Resultat“. Ricken erfreut: „Diese Beurteilung und
die jüngsten Erfolge unserer Mannschaften zeigen, dass wir uns auf einem guten Weg befinden, aus unseren Talenten die besten Spieler zu machen, die sie werden können.“

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Zwei der Hochbegabten haben schon in der vergangenen Saison als 17-Jährige den Sprung in den Profi-Kader geschafft: Felix Passlack und Christian Pulisic. Passlack, der am 29. Mai, dem Endspieltag in Sinsheim, seinen 18. Geburtstag gefeiert hat, wurde 2015 vom Deutschen Fußball-Bund als bester Spieler des Jahrgangs 1998 mit der Fritz-Walter-Plakette in Gold ausgezeichnet. Der gebürtige Bottroper gab sein Bundesliga-Debüt beim 2:0-Sieg des BVB in Darmstadt. Als Kapitän der Meistermannschaft bot er im Finale eine herausragende Leistung und war an vier der fünf Dortmunder Treffer beteiligt. 

Pulisic und Passlack zu den Profis

Während seine Kollegen den Meistertitel gebührend feierten und ihre „Wahnsinns-Saison“ (Hannes Wolf) auf Mallorca ausklingen ließen, bereitete sich Christian Pulisic mit der Nationalmannschaft der USA auf die Copa America vor. Der 17-Jährige hatte am 29. März 2016 gegen Guatemala sein erstes Länderspiel für die USA bestritten. 

Im Juli 2014 kam Pulisic gemeinsam mit Vater Mark aus dem amerikanischen Pennsylvania nach Dortmund, um sich in Borussias Nachwuchsleistungszentrum ausbilden zu lassen. Mit der U17 des BVB wurde er 2015 auf Anhieb Deutscher Meister. Cheftrainer Thomas Tuchel lernte das flinke und technisch starke Offensiv-Talent im Winter-Trainingslager in Dubai kennen und delegierte Pulisic gleich in den Profi-Kader, Am 30. Januar 2016 debütierte er im Alter von 17 Jahren und 134 Tagen in der Bundesliga im Heimspiel gegen Ingolstadt (2:0). 

„Nicht nur unsere Top-Nachwuchsspieler Felix Passlack und Christian Pulisic werden ihren Weg machen. Ich bin mir sicher, dass auch andere bei den Profis ankommen werden“, sagt Lars Ricken. Er denkt dabei an Dzenis Burnic, der in der Vorbereitung auf die Saison 2016/17 schon zum erweiterten Profi-Kader gehörte. Oder an Jakob Bruun Larsen, dessen herausragende Leistungen mit einer Nominierung für Dänemarks Olympia-Mannschaft honoriert worden sind.
Talente individuell ausbilden und fördern, dazu Teams entwickeln und auf hohes Niveau heben – dieser Spagat ist der gesamten Nachwuchsabteilung in der Saison 2015/16 perfekt gelungen.